Bereich II - Mehrfachgleitung

Wird der Dehnungsvorgang des Einkristalls über den Bereich der Einfachgleitung hinaus fortgesetz und die Spannung nun weiter erhöht, dann wird auch in anderen Gleitebenen (die etwas ungünstiger liegen) die kritische Schubspannung überschritten. Außerdem tritt durch die Deformation des Einkristalls eine räumliche Umorientierung der Gleitebenen ein, sodass zuvor ungünstig gelegene Gleitebenen nun in günstigere Lagen versetzt werden. Das Wandern von Versetzungen tritt dann in mehreren unterschiedlich orientierten Gleitebenen auf. Dies ist der Bereich der Mehrfachgleitung.

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Abbildung: Spannungs-Dehnungs-Diagramm 

Unweigerlich werden sich die wandernden Versetzungen auf den unterschiedlichen Gleitebenen begegnen und sich gegenseitig beeinflussen. Denn jede Versetzung bedingt im nahen Umfeld ihrer Versetzungslinie Druck- und Zugspannungen, die wiederum Einfluss auf andere Versetzungsbewegungen nehmen. Besonders bedeutsam wird dies, wenn sich zwei Versetzungen schneiden. Energetisch ist dies nämlich nur unter hohem Kraftaufwand möglich. Zu solchen Situationen wird es jedoch unweigerlich kommen, wenn mehrere unterschiedliche Gleitebenen gleichzeitig aktiv werden. In diesem Stadium der Mehrfachgleitung behindern sich die Versetzungen deshalb gegenseitig am Wandern.

Hierdurch wird der Verformungsprozess jedoch erheblich erschwert, denn letztlich beruht ein guter Verformungsvorgang ja gerade auf der freien Versetzungsbewegung. Somit wird nun eine größere Spannung erforderlich, um den Verformungsprozess weiter zu treiben. Gleichzeitig werden hierdurch aber auch wieder mehr Versetzungen ins Material eingebracht, was zu einer weiteren Zunahme der gegenseitigen Behinderung der Versetzungsbewegung führt. Es kommt im Material  zu einem "Versetzungsstau". Die Spannung muss in diesem Bereich deshalb stark erhöht werden, um eine weitere Verformung zu gewährleisten (Bereich II). Spannung und Dehnung verhalten sich in diesem Bereich nahezu linear.

Laufen zwei Versetzungen auf unterschiedlichen Gleitebenen senkrecht aufeinander auf, so spricht man auch von einer Waldversetzung. Wie bei anderen Versetzungen auch, bleiben auch die Waldversetzungen nach Wegnahme der Kraft im Material erhalten. Wird der Verformungsprozess nun nochmals wiederholt, so sorgen hauptsächlich diese Waldversetzungen dafür, dass der Verformungsprozess von vorne herein erschwert abläuft. Das Materiel ist nun wesentlich schwerer zu verformen als vorher. Dieses Prinzip wird bei der sogenannten Kaltverfestigung genutzt, um eine festigkeitssteigernde Wirkung der Werkstoffe zu erzielen.

Nach dem Bereich der Mehrfachgleitung tritt bei weiterer Dehnung im Kristall eine Erhohlung ein, auf die im nächsten Abschnitt näher eingegangen wird.